Gute Berichterstattung braucht präzise Sprache

Als Journalist:innen arbeiten wir jeden Tag mit unserem Handwerkszeug, der Sprache. Unsere Berichte sollten möglichst wertfrei, korrekt und präzise die Sachverhalte wiedergeben. Nicht selten passiert es aber, dass Begriffe wie „Zuwanderer“ und „Menschen mit Migrationshintergrund“ in einem Beitrag als Synonyme verwendet werden. Worin sie sich jedoch unterscheiden und bei welchen weiteren Themen ungenau formuliert wird, erläutern wir in diesem Glossar.

Die Alternativen, die wir hier anbieten, sollen als Hilfestellung für die tägliche Redaktionsarbeit dienen. Wir haben sie gemeinsam mit Fachleuten und Praktiker:innen entwickelt. Weil sich Sprache aber ständig verändert und auch wir dazu lernen, wird das Glossar regelmäßig aktualisiert und erweitert. Die Vorschläge sind unser Beitrag zu einer laufenden Debatte. Wir stellen sie gern zur Diskussion und freuen uns über eine Einladung zum Redaktionsgespräch, zur Blatt- oder Sendungskritik – von Kolleg:in zu Kolleg:in.

Gerne verschicken wir unser Glossar auch als gedruckte Broschüre für den Schreibtisch. Journalist:innen bekommen sie kostenfrei, alle übrigen gegen eine Schutzgebühr von zwei Euro plus Versandkosten. Bei Interesse bitte einfach per Mail-Formular bei uns bestellen. Ebenso gibt's das Glossar hier als PDF.

Das Glossar selbst ist in unterschiedliche Themenkomplexe untergliedert, um die Recherche zu erleichtern und Zusammenhänge und Kontexte zu verdeutlichen.

Wer sind „wir“, wer sind „die anderen“?

­–> Hier entlang gibt's alle Begriffe zum übers Thema "Wer sind 'wir', wer sind 'die anderen'" im Online-Glossar 

Die deutsche Gesellschaft hat sich verändert, sie ist bunter geworden. Das sollte sich in der Berichterstattung wiederfinden. Gleichzeitig müssen Journalist:innen oft vereinfachen, um komplizierte Sachverhalte für Mediennutzer:innen kurz und verständlich darzustellen. Manchmal führt das zu einem Dilemma: Wie beschreibe ich die Gruppe, der jemand zugehört? Wie beschreibe ich die anderen? Und wo ist diese Trennung wirklich nötig? Zunächst ist es sinnvoll, die Protagonist:innen zu fragen, wie sie sich selbst nennen würden. Das ist allerdings nicht immer möglich. Zudem kann man bei der Beschreibung von Gruppen nicht davon ausgehen, dass alle dieselbe Präferenz haben.

Bei einer allgemeinen Bezeichnung für Einwanderer:innen und ihre Nachkommen läuft man Gefahr, das Bild einer homogenen Gruppe zu erzeugen. Menschen mit Migrationsgeschichte sind jedoch keineswegs homogen: Aussiedler:innen haben in der Regel mit Geflüchteten aus dem Libanon so wenig gemeinsam wie kemalistische Türk:innen mit kurdischen Feminist:innen. Dennoch ist es in der Berichterstattung manchmal nötig, eine Gruppe pauschal zu benennen. Die vorliegenden Erläuterungen dienen der Präzisierung von Begriffen und bieten praktische Vorschläge für die differenzierte Bezeichnung von Minderheiten, der Mehrheit und natürlich auch von beiden.

 

Migration

–> Hier entlang gibt's alle Begriffe über Migration im Online-Glossar  

Debatten um die deutsche Einwanderungsgesellschaft haben in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Die Begriffe, die wir dabei benutzen und ihre Bedeutung wandeln sich im Laufe der Zeit. So war »Migration« ursprünglich ein Wort aus der Zoologie (Meyers Konversationslexikon, 1906). Zum Teil verändert auch die Gesetzgebung unsere Sprache: Nach der Staatsangehörigkeitsreform von 2000 ist deutsche:r Staatsbürger:in, wer hier geboren ist, nicht mehr nur wer von Deutschen abstammt. Im Folgenden werden alte und neue Begriffe und Regelungen im Einwanderungsland Deutschland erläutert. Wo es möglich oder nötig ist, werden alternative Formulierungen angeboten, um eine unbewusst negative Konnotation der Sprache in der Berichterstattung zu vermeiden.

 

Kriminalitätsberichterstattung

–> Hier entlang gibt's die Begriffe rund um Kriminalität im Online-Glossar

[1]

Die Berichterstattung über Straftaten nimmt in den meisten Medien viel Raum ein. Dabei herrscht immer noch das Vorurteil, Geflüchtete oder Menschen mit internationaler Geschichte würden häufiger straffällig als biografisch Deutsche und ihre Herkunft hätte ursächlich damit zu tun. Bei Aussagen über Kriminalität unter bestimmten Gruppen besteht stets die Gefahr einer unzulässigen Pauschalisierung und entsprechender Fehlschlüsse. Die folgenden Erläuterungen und Empfehlungen sollen dazu beitragen, differenziert über Straftaten zu berichten.

 

1. Teile der Erläuterungen im Glossar zur Kriminalitätsberichterstattung sind dem Beitrag entnommen »… denn sie wissen nicht, was sie tun. Wie Journalismus die Integrationsdebatte beeinflusst«, Konstantina Vassiliou-Enz, in »Vielfältiges Deutschland«, Bertelsmann-Stiftung (Hrsg.), 2014

Musliminnen und Muslime

–> Hier entland finden sich Begriffe und Erläuterungen über Muslim:innen und den Islam im Online-Glossar 

Wer genau sind eigentlich »die Muslime«? Und gibt es »den Islam« überhaupt? Tatsächlich ist das Themenfeld viel komplexer, als es oft wahrgenommen wird. Bereits zur Frage, wie viele Muslim:innen in Deutschland leben, gibt es Differenzen.[2] Die offizielle Angabe von 4,4 bis 5 [3] Millionen muslimischen Einwohner:innen in Deutschland ist beispielsweise eine Hochrechnung, bei der vor allem nach Herkunftsland und nicht nach Religiosität gezählt wird. In jedem Fall aber steht fest: Die Mehrheit der eingewanderten Menschen in Deutschland kommt nicht aus islamischen Ländern, sondern aus christlich geprägten.Trotzdem werden Berichte über Integrationsthemen häufig unreflektiert mit der Islamdebatte verknüpft. Geht es um Religionsfragen von Eingewanderten, steht ebenfalls meist nur »der Islam« im Fokus. Diese Verengung betrachten Kritiker:innen als problematisch. Aus diesen Gründen ist es sinnvoll mit den gängigen Begriffen zum Thema Islam vertraut zu sein.

 

2. Vgl. Expertise «Wer ist Moslem und wenn ja, wie viele?« von Riem Spielhaus, Mediendienst Integration, 2013 sowie BAMF-Studie »Wie viele Muslime leben in Deutschland«, Stand: Dez. 2016

3. Vgl. Pew Research Center (2017): »Europe‘s Growing Muslim Population«, Nov. 2017 sowie BAMF-Studie »Wie viele Muslime leben in Deutschland«, Stand: Dez. 2016

Jüdinnen und Juden

–> Hier entlang gibt's Begriffe und Erläuterungen übers Judentum und Jüd:innen im Online-Glossar

Vor der Machtübertragung an die Nationalsozialist:innen lebten etwa 500.000 bis 600.000 jüdische Bürgerinnen und Bürger in Deutschland – derzeit wird die jüdische Bevölkerung in Deutschland auf 250.000 Personen geschätzt.[4]  Unabhängig davon ist Antisemitismus auch heute noch in allen Bevölkerungsgruppen präsent, wie zahlreiche Studien[5] regelmäßig belegen. Während allerdings der rassistische Antisemitismus und der Antijudaismus kaum noch anschlussfähig an die Mehrheitsbevölkerung sind, dominieren mit dem israelbezogenen Antisemitismus und antisemitischen Verschwörungstheorien »moderne« Formen der Judenfeindschaft, die im Folgenden erläutert werden.

Insgesamt gilt auch hier festzuhalten: Es gibt nicht »die Juden«. Der jüdischen Minderheit gehören vielfältige Menschen mit individuellen Lebensentwürfen und unterschiedlichen Auslegungen des eigenen Judentums an. Ein einheitliches Gruppenbild zu schaffen, kann nicht gelingen. Präzise Bezeichnungen und Begriffe in der Berichterstattung können aber hilfreich sein, damit ein differenzierteres Bild in den Medien entsteht.

 

4. Quelle: Berman Jewish Data Bank, »World Jewish Population, 2015«, Seite 54f.

5. Vgl. exemplarisch Ulrich, Peter/Decker, Oliver/Kiess, Johannes/Brähler, Elmar: »Judenfeindschaften – Alte Vorurteile und moderner Antisemitismus«, in: Friedrich-Ebert-Stiftung/ Melzer, Ralf (Hrsg.): »Die Mitte im Umbruch. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2012«, S. 68ff., Bonn, 2012, PewReserachCenter: »Latest Trends in Religious Restrictions and Hostilities«, 2015 und Deutscher Bundestag: »Antisemitismus in Deutschland – Erscheinungsformen, Bedingungen, Präventionsansätze. Bericht des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus«, Berlin, 2011

Sinti, Sintize, Romnja und Roma

–> Hier entlang finden sich Begriffe und Erläuterungen über Sinti:ze und die Roma-Minderheiten im Online-Glossar

Mit etwa zehn bis zwölf Millionen Mitgliedern sind die Angehörigen der verschiedenen Rom:nja-Gruppen heute eine sehr große und damit natürlich sehr diverse Minderheit in Europa. Sie ist, wie kaum eine andere, Ziel rassistischer Zuschreibungen und Stereotypisierungen. Damit einher geht eine große Unwissenheit: So berichten Angehörige von Roma-Vereinen, dass sie beispielsweise immer wieder gefragt werden, ob es eine eigene Roma-Religion gebe.

Auch die Berichterstattung in den deutschen Medien über Sinti*ze und Rom:nja ist häufig negativ konnotiert, wie mehrere Studien belegen[6] – sie erfährt im Zuge der aktuellen Diskussion um Flucht und Asyl neuen Auftrieb. Hier kann eine präzise und vor allem kenntnisreiche Berichterstattung aufklärend wirken. Deshalb werden im vorliegenden Glossarkapitel bewusst auch Begriffe erläutert, die zur Stigmatisierung beitragen (bspw. »Zigeuner« etc.) und Journalist:innen bei der Recherche begegnen können.

 

6. Vgl. exemplarisch Markus End: »Antiziganismus in der deutschen Öffentlichkeit. Strategie und Mechanismen medialer Kommunikation«, Studie für das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg 2014 

Flucht und Asyl

–> Hier entlang gibt's Begriffe rund um die Themen Flucht und Asyl im Online-Glossar

Asylpolitik ist eines der beherrschenden Medienthemen der vergangenen Jahre. Weil Regelungen und Vorhaben sich zurzeit laufend ändern, versuchen wir im Folgenden, vor allem längerfristig gültige Begriffserläuterungen anzubieten. Generell sind Asylrecht und -politik sehr komplexe Themen, bei denen in der Berichterstattung einiges durcheinandergeraten kann. Was zum Beispiel ist der rechtliche Unterschied zwischen Asyl und Flüchtlingsschutz? Zudem ist der Themenkomplex emotional aufgeladen: In vielen Begriffen schwingen politische Haltungen oder Forderungen mit. Im Glossar erläutern wir die Hintergründe und warum es zum Beispiel sinnvoll ist, neutral klingende Schlagwörter, wie »Flüchtlingskrise« zu überdenken.

 

Rechtspopulismus, Rechtsradikale und -extreme

–> Hier gibt's Begriffe aus der Berichterstattung über Rechtspopulismus, Rechtsradikale und -extreme

Populist:innen machen sich die klassischen Mechanismen des Journalismus zunutze, indem sie sprachliche Tabus brechen – allein die Berichterstattung darüber dient ihren Zwecken. Wenn Medienschaffende vermeiden wollen, sich instrumentalisieren zu lassen, können sie rassistische oder demokratiefeindliche Sprache als solche benennen, falls sie in Berichten wiedergegeben werden muss. Im Folgenden werden einige Begriffe aufgelistet, die häufig gebraucht werden, um z. B. Minderheiten herabzuwürdigen oder verfassungsfeindliche Gesinnungen salonfähig zu machen. Die Erläuterungen und alternativen Vorschläge sind als Hilfestellung und Impulse für alle gedacht, die ihrem journalistischen Auftrag für aufklärende und kritische Berichterstattung gerecht werden wollen.