Laudatio

“Goldene Kartoffel” 2021 für die unterirdische Debatte über “Identitätspolitik”

Warum der NdM-Medienpreis für die Debatte über "Identitätspolitik" an bürgerliche Medien geht. Die Laudatio zur Preisverleihung.

Verehrte Gäste,
liebe Medienvertreter*innen,
 
ich freue mich sehr, Sie und Euch heute im Namen der Neuen deutschen Medienmacher*innen zu begrüßen: Herzlich willkommen zur Verleihung der „Goldenen Kartoffel 2021“, dem unerwünschtesten Medienpreis der Republik.

Wir finden das immer sehr aufregend. Aber nicht nur wir. Auch andere kriegen rote Flecken im Gesicht, wenn wir die Kartoffel auspacken. Zum Beispiel, weil der Name des Preises diskriminierend gegenüber echten Deutschen sei.

Wir, als Sachverständige für politische Korrektheit, können Sie beruhigen:
Kartoffel ist zunächst einmal die Bezeichnung für ein sehr beliebtes Gemüse und in der Jugendsprache Slang für weiße Deutsche. Dass manche sie als Schimpfwort verwenden, disqualifiziert sie nicht gleich. Genauso wie Leute ja auch weiterhin mit “Lauch” kochen und hoffentlich “Waschlappen” benutzen. Außerdem ist die Kartoffel eine perfekte Namensgeberin, weil sie unter der Erde wächst und wir unterirdische Berichterstattung auszeichnen. Und unsere Kartoffel ist auch noch vergoldet. Quasi der Porsche unter den Gemüseknollen.

Wir verleihen die „Goldene Kartoffel“ seit 2018 traditionell an Berichterstattung, die ein besonders verzerrtes Bild vom Zusammenleben im Einwanderungsland Deutschland zeichnet, die Probleme und Konflikte stark übertreibt, Vorurteile verfestigt und gegen journalistische Standards verstößt.

Manche finde Negativpreise blöd. Wir sollten lieber Dinge auszeichnen, die gut laufen. Aber solche Preise gibt es schon. Haufenweise. Außerdem sind die Zeiten hart und wir müssen uns auch mal ein bisschen Spaß gönnen. Deswegen geht’s jetzt los:

Der Medienpreis “Goldene Kartoffel 2021” geht dieses Jahr an die unsägliche, wirklich unterirdische, völlige überzogene, rechte Narrative salonfähigmachende Debatte über „Identitätspolitik“ in bürgerlichen Medien.

Und damit, herzlichen Glückwunsch, an so gut wie alle Medien des bürgerlichen Spektrums, von der Taz bis zur Faz, von ARD bis ntv, von Deutschlandfunk bis zum gesamten deutschen Privatfunk.

Wir erinnern uns: im Sommer 2020 haben Medien plötzlich bemerkt, dass auch in Deutschland Schwarze Menschen leben und Rassismus erleben. Und sie haben es irgendwie möglich gemacht, dass sie auch mal in den Medien vorkommen. Nur ein paar Monate später war dieser kurze Moment der Erleuchtung offenbar vorbei. Anfang 2021 haben alle gefunden, es sei wahnsinnig wichtig, darüber zu diskutieren, ob People of Color und Schwarze Menschen mit ihrem Antirassismus nicht doch zu weit gehen und die Gesellschaft spalten.

Noch mal: Nach den rechtsterroristischen Anschlägen von Halle und Hanau, dem Mord an Walter Lübcke, dem Einzug von Rechtsextremisten in sämtliche deutsche Parlamente wurde - ernsthaft, monatelang - darüber diskutiert, ob “linke Identitätspolitik” eine Bedrohung für das harmonische Zusammenleben in Deutschland sei.

Was war geschehen?

Ende Februar schrieb Wolfgang Thierse einen wehleidigen Gastkommentar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Darin fand er, dass der Kampf gegen Rassismus, Postkolonialismus und für Geschlechtergerechtigkeit zu heftig und aggressiv geführt werde. Und dass eine “linke Identitätspolitik“ dabei sei, den „Gemeinsinn“ in der Gesellschaft zu zerstören.

Im März kam raus, dass die Dichterin Amanda Gorman in manchen Ländern von Schwarzen Literaturexpert*innen übersetzt werden sollte - und nicht von weißen.

Und im April schrieb Sarah Wagenknecht ein Buch.

Mit anderen Worten: nichts war passiert.

Außer dass ein bekannter Politiker ohne aktuelle Funktion was gesagt hat, was vor ihm auch schon andere gesagt hatten. Nach Medienlogik wäre das eigentlich nicht weiter interessant. Eigentlich. Aber die Befindlichkeiten weißer Menschen wurden behandelt, wie BREAKING NEWS.

Thierses Kommentar wurde rauf und runter zitiert. Es gab Pros und Contras. Das Heute Journal berichtete, im Ersten lief ein eigener Presseclub zu Identitätspolitik. Fehlte eigentlich nur noch ein Brennpunkt.

Und fast hat sich eine neue Bürgerrechtsbewegung aus alten weißen Menschen formiert, quasi die “Patriotischen Europäer*innen gegen die Identitätspolitisierung gegen das Abendlandes”. Warum? Weil nicht mehr nur weiße Menschen eine Schwarze Lyrikerin übersetzen sollten. Das sei Rassismus! Und zwar gegen Weiße! Rechtschaffene Literaturexperten würden Opfer einer „Cancel Culture“! Obwohl doch Hautfarbe keine Rolle spielen dürfe!

Nur fürs Protokoll: Natürlich ist es falsch, davon auszugehen, dass Schwarze oder junge Menschen und Frauen eine Wesensgemeinschaft seien und davon die Forderung abzuleiten, Au­to­r*innen und Über­set­ze­r*innen müssten derselben Gruppe angehören. Nur war das gar nicht der Punkt in der Debatte. Auslöser war ein Kommentar im holländischen „Volkskrant“, indem eine Kollegin fand, man hätte eine Gelegenheit verpasst, ein Schwarzes Spoken-Word-Talent ins Rampenlicht zu rücken. In einem Literaturbetrieb, der auffällig weiß und nicht divers ist.

Außerdem wurde Amanda Gorman weltberühmt, weil sie bei der Inauguration von US-Präsident Joe Biden ein politisches Gedicht vorgetragen hatte – als erste junge, Schwarze Frau. Dass die Wahl auf sie fiel, hing mit Sicherheit mit ihrem Talent zusammen, war aber auch ein politisches Statement im Zusammenhang mit den Black-Lives-Matter Protesten von 2020. Zu finden, es sei daher nicht völlig egal, wer ihre Bücher übersetzt, sollte eigentlich keinen Aufschrei provozieren.

Ebenso absurd ist die Unterstellung, dass in unserem Land Ausländer die Diskurshoheit übernehmen, Minderheiten Sprechverbote erlassen und arme, freiheitsliebende Menschen gezwungen werden, sich die Zunge am Gendersternchen zu brechen. Das alles könnte man getrost als neurechtes Geschwafel abtun.

Nicht so das deutsche Feuilleton. Um die verlorene Ehre des alten, weißen Mannes zu retten, wurden schwere Geschütze aufgefahren:

„Ist die Meinungsfreiheit an deutschen Hochschulen in Gefahr?“ fragte Titel, Thesen, Temperamente. „Identitätspolitik – woke oder Wahnsinn?“, hieß es bei Deutschlandfunk Kultur. „Spaltet Identitätspolitik die Gesellschaft?“ fragte auch das NDR-Kulturjournal.

Immer schön mit Fragezeichen und Pros und Contras, weil: könnte ja sein, dass ja.

Politmagazine widmeten sich dem Thema: “Schweig, alter weißer Mann! – Wie Identitätspolitik spaltet” titelte frontal21. Bei ARD-Kontraste wurde investigativ recherchiert zu: “Gendern: Gaga oder Gleichberechtigung?” Das politische Wochenmagazin Der Spiegel widmete dem sensationellen Thema eine ganze Titelgeschichte: „Aufstand gegen den alten weißen Mann: Spaltet Identitätspolitik die Gesellschaft?”

Diese Fragen sind aber alles andere als harmlos.

Wir kennen es aus rechten Foren, dass von „Wahnsinn“ gesprochen wird, wenn Frauen und Transpersonen nicht nur mitgemeint werden wollen. Und dass “Spaltung” gebrüllt wird, wenn man es wagt, weiße Menschen als “weiß” zu bezeichnen oder wenn man keine Statuen von Menschenrechtsverbrechern in der Straße haben will. Aber dass Medien des mittigen, bürgerlichen Spektrums rechtsradikale Untergangsfantasien übernehmen, das ist neu.

Es widerspricht journalistischen Kriterien, dass „Identitätspolitik“ so viel thematisiert wird. Linke, die sich selbst als “identitätspolitisch” bezeichnen, gibt es in freier Wildbahn so gut wie nicht. Und auch sonst haben wir es mit einem Thema zu tun, das niemand so richtig versteht, aber Medien unbedingt bis zum bitteren Ende diskutieren wollen.

Keine Identitätspolitik ist es demnach, wenn Männer sich gegen Quoten in Vorständen einsetzen, obwohl das bedeutet, dass sie dann allein unter sich bleiben. Oder, wenn eine Splittergruppe der CDU wie die “Werte Union” rechtsradikale Forderungen aufstellt. Auch das wird nicht als Identitätspolitik bezeichnet. Aber wehe, wenn Schwarze Menschen und Migrantisierte gleiche Berufs-Chancen fordern. Boah, ist das spalterisch! Und wenn sie ihre Argumente nicht unterwürfig, sondern selbstbewusst vorbringen. Das geht wirklich zu weit!

Weiße Menschen wüssten ja gar nicht mehr, was sie noch essen, sagen oder tun dürfen. Ach Gottchen. Die Verschwörungstheorie, dass Gaby und Günter heute einen strukturellen Nachteil haben, weil die Politik sich nur noch um Transpersonen, Migrant*innen und Muslime kümmere, ist eine klassische Täter-Opfer-Umkehr.

Denn es wurde in diesem Land ganz bestimmt noch nie zu schnell, zu viel für Minderheiten getan. Hinter dem Bedrohungszenario “linker Idenitätspolitik” steht die im rechten Gedankengut fest verankerte Weltsicht, dass früher alles besser war. Früher, als Frauen per Gesetz für den Haushalt zuständig waren, Homosexualität illegal war, und Ausländer*innen die Drecksarbeit machten? Für wen war denn alles besser?

Menschen werden schon die ganze Zeit nach Geschlecht und Hautfarbe unterschieden. Der gesamte Kolonialismus beruht auf dieser Unterscheidung. Ebenso die patriarchale Vorherrschaft der Männer. Oder will irgendjemand ernsthaft behaupten, Ausbeutung und Unterdrückung erklären sich einfach durch Leistung? Weiße können halt zufällig bessere Chefs sein, besser schreiben, besser denken, besser tanzen…? Ach nee, tanzen nicht.

Das Absurdeste in der Debatte war übrigens das Argument, dass Migrant*innen und Minderheiten selbst schuld seien am Rechtsruck. Wegen den dreisten Forderungen nach politischer Korrektheit und Cancel Culture sähen sich manche Ureinheimische überhaupt erst genötigt, die AfD zu wählen und ähnlich häßliches, undemokratisches Zeugs zu tun. Quasi aus Notwehr.

Andererseits, stimmt es schon irgendwie. Wenn Homosexuelle und Transpersonen sich noch verstecken müssten und Ausländer*innen protestlos ausbeuten ließen, dann müsste man sie nicht wieder in die Ecken prügeln.

Richtig unterirdisch wurde der Diskurs, als linke Identitätspolitik mit rechter Identitätspolitik gleichgesetzt wurde. Das fing in der FAZ an und zog sich wie einer roter Faden durch alle bürgerlichen Medien. Es ist so absurd, dass wir das hier erklären müssen, aber wir wollen es ja nicht anders, wenn wir mit der Goldenen Kartoffel wedeln. Also:

  • Bei dem, was als “linke Identitätspolitik” bezeichnet wird, geht es um die Anerkennung von Minderheiten und gleiche Rechte für alle.
  • Bei rechter Identitätspolitik geht es darum, Menschenrechte nur für Weiße zu wollen, also um rechtsextreme Standpunkte.

Wer das gleichsetzt, hat unser Grundgesetz nicht verstanden.

Einige Medien sind übrigens auf dem Trip hängen geblieben und kommen davon gar nicht mehr runter, wie zum Beispiel Welt und Welt am Sonntag. Der ehemalige WamS-Chef, der ab jetzt bei Bild reüssiert, sieht linke Identitätspolitik offenbar als “radikale Geisteshaltung”, die den Westen “von innen” zerstöre, vergleichbar mit Bedrohungen von außen durch “Russland, China oder Terrorismus”. Chefsache ist das Thema auch immer wieder bei der Schweizer NZZ.

Nun mögen manche einwerfen, dass es auch unaufgeregte und gute Berichte zum Thema gegeben hat. Das stimmt. Aber leider nur sehr wenige. Die meisten, selbst die moderaten, kreisten inhaltlich um den potentiellen Untergang der abendländischen Zivilisation durch „linke Identitätspolitik“.

Zusammengefasst:

2021 haben Medien ernsthaft darüber diskutiert, ob Gendersternchen das Ende der Freiheit bedeuten und eine identitätspolitische Elite aus mächtigen Minderheiten unsere Gesellschaft spaltet. Das ist so kartoffelig, wie es nur geht.

2021 wurde die Chance verpasst, darüber zu diskutieren, wie wir zu einer diskriminierungssensiblen Gesellschaft werden. In langen Berichten oder Titelgeschichten hätten zum Beispiel Konzepte wie die Critical Race Theory, Affirmative Action und gendergerechte Sprache erklärt und diskutiert werden können. Statt die vermeintliche Polarisierung zu hinterfragen, wurde sie in vielen Medienberichten reproduziert. Der Fokus lag auf den wabernden Wahnvorstellungen reaktionärer Gruppen.

Deshalb geht die Goldene Kartoffel 2021 an die Debatte über „Identitätspolitik“ in bürgerlichen Medien. Sie war überzogen, unsachlich, polarisierend und hat rechtsradikale Begriffe normalisiert und ihre Thesen salonfähig gemacht. 

Wir sind überzeugt: gesellschaftspolitische Debatten gehen auch anders. Und der nächste sinnfreie Auslöser für irgendwas mit “Identitätspolitik” kommt so sicher, wie das Amen in der Kirche.

Und wie die Goldene Kartoffel im nächsten Jahr.

 

Korrekturhinweis:
In einer früheren Fassung war von der Kartoffel als Wurzelgemüse die Rede. Das ist falsch. Die Kartoffel ist ein Nachtschattengewächs und ein leckeres Knollengemüse.