Guter Journalismus ist vielfältig.

Wir sind die Neuen deutschen Medienmacher*innen. Ein bundesweites Netzwerk von Journalist:innen mit und ohne internationale Geschichte. Wir setzen uns für gute Berichterstattung und für vielfältiges Medienpersonal ein: Vor und hinter den Kameras und Mikrofonen. An den Redaktionstischen. Und auch in den Planungsstäben, Führungsetagen und Aufsichtsgremien.

Diversity Tag 2015

Diversity Tag 2014

Die Neuen deutschen Medienmacher:innen haben beim Diversity-Day in Heidelberg mit Bürgerinnen und Bürgern Alternativbegriffe für den "Migrationshintergrund" erarbeitet.

 

Geladen hatten die Stadt Heidelberg gemeinsam mit der Diversity-Beauftragten der SAP, der Landfried AG und den NdM, um am bundesweiten Diversity-Day über Themen der Migration/Integration zu diskutieren. Intention war, die erarbeiteten Begriffe in den Sprachgebrauch der Verwaltung übernehmen zu wollen. Initiiert wurde die Veranstaltung von der Leiterin des Interkulturellen Zentrums Heidelberg i.G., Jagoda Marinic. Schirmherrin der Veranstaltung war Baden-Württembergs Landesministerin für Wissenschaft und Forschung, Theresia Bauer.

 

Foto: Jagoda Marinic.[/caption]

 

Der Begriff Personen/Menschen/Bevölkerung „mit Migrationshintergrund“ beschreibt eine Gruppe, die das Statistische Bundesamt als Menschen mit ausländischen Wurzeln definiert, die erst ab der dritten Generation diesen Hintergrund verlieren.[1] Für viele der Beschriebenen besitzt die Bezeichnung einen negativen Bezug und klingt wie das Merkmal einer problembezogenen Gruppe.

 

Der Workshop "Was heißt hier Migrationshintergrund?", der unter Leitung der NdM-Geschäftsführerin Konstantina Vassiliou-Enz und dem 2. Vorsitzenden, Dr. Chadi Bahouth stattfand, hatte sich zum Ziel gesetzt, diese negativ konnotierte Bezeichnung durch einen Begriff zu ersetzen, der positive Assoziationen wecken solle. In zwei anderen Workshops erarbeitete SAP die Themen "Willkommenskultur" und "Führungskräfte, Fachkräfte, Flüchtlinge" per Design-Thinking.

 

„Die meisten der TeilnehmerInnen im Workshop hätten diese Kategorisierung in Menschen mit und ohne Migrationshintergrund gern ganz abgeschafft“, erklärt Konstantina Vassiliou-Enz, die Geschäftsführerin der Neuen deutschen Medienmacher: „Klar, in der idealsten aller Welten wäre das das Ziel. Aber weder im akademischen Betrieb, noch in Verwaltung, Statistik und in den Medien werden wir ohne diesen Begriff auskommen. Wenn z.B. Schulen mit einem bestimmten Anteil von SchülerInnen mit Migrationshintergrund finanzielle Unterstützung bekommen, muss man sie benennen können. Und wenn es dieses Wort schon geben muss, dann wollen wir es selbst bestimmen und positiv besetzen. Auch wenn die Gefahr besteht, dass es in einigen Jahren vielleicht ebenso negativ konnotiert sein wird. Dann müssen wir eben nochmal ran.“

 

Die Diskussion mit etwa 20 Heidelberger Bürgerinnen und Bürgern, von denen die meisten selbst unter die Definition des Statistischen Bundesamts fallen, war sehr facetten- und perspektivreich. Die Diskussion führte zu drei Kernbegriffen, die wir als relevant für die neue Bezeichnung hielten: Kultur, Sozialisierung/Konditionierung und Nation. Den Bezug zur Nation nahm die Gruppe recht bald reduzierter auf, da sich rasch ergab, dass die Bindung an das Kulturelle im weiteren Sinne enger war als an Nationalität. Sozialisation und Konditionierung wurden als zu divergierend innerhalb der beschriebenen Gruppe betrachtet, da hier sozialer Status und vergleichbare Parameter so unterschiedlich ausfallen konnten, dass die Definition nicht logisch realisiert werden könne. Letztlich kristallisierten sich Begriffe, nicht nur, aber hauptsächlich, um „Kultur“ heraus: Menschen mit vielfältiger Prägung, kultureller Varianz, Poly-, Inter-, Trans- oder Hybridkulturelle, Menschen mit internationaler Zugehörigkeit oder Prägung und solche mit internationaler Geschichte.

 

Besonders auffällig und überraschend war die intensive Diskussion um Begriffe wie „Multikulturelle“ und „Multikulti“, was die Mehrheit letztlich aber als einen Begriff abwies, der durch die Debatten der letzten Jahre stark litt und nicht mehr als adäquat angesehen wurde, obschon inhaltlich treffend.

 

Die Gruppe war sich einig, dass Menschen mit Migrationshintergrund auf vielfältige Weise verschiedene Kulturen miteinander mischen, in ihnen aufgehen, sich an ihnen abarbeiten. Ebenso mischen sie Attribute und Erfahrungen auf trans- und internationaler Ebene.

 

Konstantina Vassiliou-Enz fasste den Ausgang der Diskussion folgendermaßen zusammen: „Wir [...] haben z.B. auch über "Menschen mit heterogener/exogener Sozialisation" diskutiert, aber es ging ja darum, eine Bezeichnung zu finden, die weniger abstrakt klingt als der Migrationshintergrund, auch deshalb wurde die Kultur dann favorisiert, das Wort ist einfach direkter zu erfassen, als Sozialisation. Und weil divers schön neutral klingt und noch dazu an Diversity also Vielfalt anlehnt, konnten die meisten TeilnehmerInnen sich in der Schöpfung "Diverskulturelle" wiederfinden, abgekürzt "Dikulturelle". Auch der Begriff "Interkulturelle" war gut im Rennen, der ist allerdings nicht neu.“ Einer Fraktion war es wichtig, die Geschichte in den Vordergrund zu rücken, so etablierte sich der Begriff "Mensch mit internationaler Geschichte". Dieser Begriff gefiel den TeilnehmerInnen ohne Migrationshintergrund sehr gut, da auch authochton Deutsche.

 

Die Gruppe einigte sich letztlich darauf, vier Begriffe als Empfehlung für eine neue Bezeichnung an die Stadt Heilberg zu übergeben:

Diverskulturelle, Interkulturelle, Menschen mit internationaler Geschichte und Menschen mit Einwanderungsgeschichte.

 

Jetzt heißt es, die Tauglichkeit der Vorschläge zu prüfen. Wir Neue deutsche Medienmacher erachten es als sinnvoll, nun eine intensive Tagung abzuhalten, bei der mit VertreterInnen der Stadt, der Verwaltung, MitarbeiterInnen des Welcome-Centers, aber auch mit JournalistInnen und natürlich mit der Leiterin des Interkulturellen Zentrum i.G., Jadoda Marinic, die das Projekt initiert hat, eine finale Ausarbeitung des neuen Begriffs zu kommen. Wir Neue deutsche Medienmacher sind, insbesondere anbetracht der knappen zeitlichen Herausforderung, mit den Ergebnissen des Workshops recht zufrieden. Er ist für uns aber vor allem als Beginn eines Prozesses zu verstehen, in dem wir den Migrationshintergrund als Begriff in Frage stellen, aber auch die Debatte darüber anstoßen, warum die internationale Geschichte eines Menschen, egal wie man sie nennt, überhaupt zu einem problembesetzten Merkmal wird.

 

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[1] Definition Statistisches Bundesamt für „Menschen mit Migrationshinergrund“: „Zur Bevölkerung mit Migrationshintergrund zählen alle, die nach 1949 auf das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zugezogen sind, alle in Deutschland geborenen Ausländer/-innen und alle in Deutschland mit deutscher Staatsangehörigkeit Geborene mit zumindest einem zugezogenen oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil.”

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