Einsatz für die verlorene Ehre des alten, weißen Mannes in bürgerlichen Medien:

“Goldene Kartoffel” 2021 für die unterirdische Debatte über “Identitätspolitik”

Die Goldene Kartoffel geht 2021 an die Debatte über „Identitätspolitik” in bürgerlichen Medien, die rechtsradikale Thesen normalisiert und salonfähig gemacht hat.

Seit 2018 verleihen die Neuen deutschen Medienmacher*innen die „Goldene Kartoffel“. Der Preis für besonders unterirdische Berichterstattung geht an Medien oder Journalist*innen, die ein verzerrtes Bild vom Zusammenleben im Einwanderungsland Deutschland zeichnen, Probleme und Konflikte stark übertreiben, Vorurteile verfestigen und gegen journalistische Standards verstoßen.

Die Goldene Kartoffel 2021 geht an die Debatte über „Identitätspolitik” in bürgerlichen Medien, die rechtsradikale Thesen normalisiert und salonfähig gemacht hat.

Die Jury begründet ihre Entscheidung so:

„Identitätspolitik” ist – anders als Klima, Steuern oder Rente – kein Thema, das mit dem Alltag (von irgendwem) zu tun hat und das niemand so richtig versteht. Trotzdem wurde es im Jahr 2021 in den meisten Medien rauf und runter diskutiert, mit Stichworten wie „Cancel Culture”, „bedrohte Meinungsfreiheit” und „Rassismus gegen Weiße”.
Die Wahnvorstellung, dass Ausländer*innen die Diskurshoheit übernehmen, autoritäre Minderheiten Sprechverbote erteilen und linke Aktivist*innen an den Schaltstellen der Macht sitzen, könnte man getrost als neurechtes Geschwafel abtun. Nicht so das deutsche Feuilleton: Um die verlorene Ehre des alten weißen Mannes wiederherzustellen, fuhr es 2021 journalistisch schwere Geschütze auf:

„Identitätspolitik – woke oder Wahnsinn?“1 hieß es bei Deutschlandfunk Kultur. „Spaltet Identitätspolitik die Gesellschaft?“2 wollte das NDR-Kulturjournal wissen. „Eine radikale Geisteshaltung zerstört unseren Westen”3 fabulierte die Welt am Sonntag. Sogar Polit-magazine wie rbb-Kontraste recherchierten zu „Gendern: Gaga oder Gleichberechtigung?“4 und frontal21 zu „Schweig, alter weißer Mann! – Wie Identitätspolitik spaltet”5. Auch eine eigene Folge des Presseclubs6 musste her. Der Spiegel lieferte eine ganze Titelgeschichte: „Aufstand gegen den alten weißen Mann: Spaltet Identitätspolitik die Gesellschaft?”7. Fehlte eigentlich nur noch ein ARD-Brennpunkt.

Nach den rechtsterroristischen Anschlägen von Halle und Hanau, dem Mord an Walter Lübcke und dem Einzug von Rechtsextremen in sämtliche deutsche Parlamente wurde ernsthaft darüber sinniert, ob „linke Identitätspolitik” das harmonische Zusammenleben bedrohe. Und nur wenige Monate nach der “Black Lives Matter”-Debatte haben sich im Frühjahr 2021 fast alle Medien in Deutschland gefragt, ob People of Color und Schwarze Menschen mit ihrem Antirassismus nicht doch zu weit gehen.

Die Frage nach der Spaltung der Gesellschaft ist alles andere als harmlos. Sie dient dazu, die Stimmen von Feminist*innen, Schwarzen Menschen, Migrant*innen, behinderten oder queeren Menschen usw. zu delegitimieren. In rechtsextremen Foren wird schon lange gegen angeblich allmächtige, „identitätspolitische” Minderheiten gehetzt. Dass sich diese Wahrnehmungsstörung 2021 auch in bürgerlichen Medien breit gemacht hat, ist bedenklich.

Was Medien leisten könnten, aber nicht lieferten

2021 wurde die Chance verpasst, darüber zu diskutieren, wie wir zu einer gerechten, progressiven, diskriminierungssensiblen Gesellschaft werden. In langen Berichten oder Titelgeschichten hätten zum Beispiel Konzepte wie die Critical Race Theory, Affirmative Action und gendergerechte Sprache erklärt und diskutiert werden können. Stattdessen blieb das Niveau meist unterirdisch. Der Fokus lag auf den wabernden Wahnvorstellungen reaktionärer Gruppen. Eine in jeder Hinsicht unterirdische Debatte.

Die Jury findet:

Die Debatte über „Identitätspolitik” in deutschen Medien 2021 war überzogen, unsachlich, polarisierend und hat rechtsradikale Erzählungen salonfähig gemacht. Deshalb gebührt ihr die “Goldene Kartoffel” und damit, herzlichen Glückwunsch, so gut wie allen Medien des bürgerlichen Spektrums, von der taz bis zur FAZ, von ARD bis ntv, von Deutschlandradio bis zum gesamten Privatfunk. Das war wirklich ein Gemeinschaftswerk.

Zum Preis und zur Jury:

Vorschläge zur Nominierung für den Preis können Mitglieder aus dem bundesweiten Netzwerk der Neuen deutschen Medienmacher*innen (NdM) einreichen. Die Jury besteht aus dem ehrenamtlichen Vorstand des Vereins. Sie wählt die Preisträger*innen nach den im ersten Absatz genannten Kriterien aus.

Zu den mehr oder weniger stolzen Gewinner*innen zählen neben Julian Reichelt als ehemaligem Chefredakteur der Bild-Zeitung und den Polit-Talkshows der öffentlich-rechtlichen Sender auch die Clan-Berichterstattung von Spiegel TV und anderen.

Zur Preisverleihung:

Die „Goldene Kartoffel“ 2021 wird am 23.10.2021 live in Köln verliehen. Wem eine PM zu trocken ist, der*die kann die Preisverleihung live auf Social Media verfolgen oder die Laudatio hier nachlesen.


Vorstand
Neue deutsche Medienmacher*innen


Pressekontakt: info​neuemedienmacher.de, 030-269 472-30

 


 

Quellen:

  1. www.deutschlandfunkkultur.de/der-tag-mit-jagoda-marinic-identitaetspolitik-woke-oder.2950.de.html
  2. www.ndr.de/kultur/film/Spaltet-Identitaetspolitik-die-Gesellschaft,identitaetpolitik100.html
  3. www.welt.de/debatte/kommentare/plus234155524/Identitaetspolitik-Eine-radikale-Geisteshaltung-zerstoert-unseren-Westen-von-innen.html
  4. www.rbb-online.de/kontraste/archiv/kontraste-vom-18-03-2021/gendern-gaga-oder-gleichberechtigung.html
  5. “Schweig, alter weißer Mann! – Wie Identitätspolitik spaltet”, frontal21 vom 27.4.2021
  6. www1.wdr.de/daserste/presseclub/sendungen/identitaetspolitik-100.html
  7. www.spiegel.de/kultur/identitaetspolitik-macht-sie-deutschland-gerechter-oder-spaltet-sie-die-gesellschaft-a-7dcccc67-0002-0001-0000-000178306360