von Sheila Mysorekar und Konstantina Vassiliou-Enz
Eigentlich sollten wir gar nicht notwendig sein. Eigentlich sollten wir fernsehen und Zeitung lesen können, ohne Bauchschmerzen zu bekommen, uns fremdzuschämen oder wütend zu werden. Eigentlich sollte über Minderheiten in Deutschland neutral und fair berichtet werden. Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass Menschen aller Ethnien, Hautfarben und Herkünfte als Journalisten arbeiten.
Aber so ist es nicht in Deutschland. In anderen europäischen Ländern mag es normal sein, dass der Nachrichtensprecher schwarz ist und die Redakteurin ein Kopftuch trägt. Hier ist es nicht nur selten – es kommt praktisch gar nicht vor. Die wenigen existierenden Journalistinnen und Journalisten mit Migrationsgeschichte sind in Redaktionen und auf Pressekonferenzen allein auf weiter Flur. In Redaktionskonferenzen sind sie automatisch für Migrationsthemen zuständig: entweder das, oder man lässt sie diese Themen
auf keinen Fall bearbeiten, weil sie zu „voreingenommen“ seien. Auf den Bildschirmen sind sie selten zu sehen, und wenn ja, dann meist in Unterhaltungssendungen. Nach wie vor als Exoten, um etwas „Buntes“ in die Sendung zu bringen, nicht als die Selbstverständlichkeit, die heutzutage schwarze Journalisten oder türkische Moderatoren eigentlich haben sollten.
Genau aus diesem Grund gibt es die Neuen deutschen Medienmacher (NDM). Dieser Verein wurde 2008 von Journalistinnen und Journalisten mit Migrationsgeschichte gegründet, als professionelles Netzwerk, aber auch zur gegenseitigen emotionalen Unterstützung: Es ist – gelinde gesagt - ermüdend, der „Ausländer vom Dienst“ zu sein. Bei jeder Asyldebatte ist man automatisch der Gegenspieler. Man ist zuständig für jede Islamdebatte, auch wenn man gar nicht muslimisch ist. Der Rassismus und die Vorurteile, die in der Gesellschaft vorhanden sind, machen vor Redaktionen nicht halt. Als einzelne die Diskussion über Themensetzung und Sprachgebrauch anzuschieben, ist jedoch nicht einfach. Umso wichtiger ist es, ein Netzwerk hinter sich zu haben.
Wir sind ein bundesweiter Zusammenschluss von Journalisten mit Migrationshintergrund: fast jeder Vierte in Deutschland hat einen solchen, aber nur jeder fünfzigste Journalist hat Migrationsgeschichte. In den Redaktionen der Republik fehlen oftmals die Perspektiven von Migranten und hinreichende Kompetenz für die Darstellung gesellschaftlicher Vielfalt. Deswegen wollen wir mehr Kolleginnen und Kollegen mit Migrationshintergrund nicht nur vor der Kamera und hinter dem Mikrophon, sondern auch in den Planungsstäben, Führungsetagen und Aufsichtsgremien.
Wir wollen mehr interkulturelle Kompetenz und Sensibilität in der journalistischen Arbeit und Berichterstattung und in der Aus- und Fortbildung der Medienberufe. Und wir wollen uns einmischen: für eine sensible und faire Berichterstattung über Integration und Migration, uns wehren gegen diskriminierende und stereotype Berichterstattung. Wir sind Ansprechpartner für interkulturellen Journalismus. Wir treten gezielt diskriminierender Berichterstattung entgegen. Wir bieten ein Forum für Information und Austausch und last but not least: wir fördern den journalistischen Nachwuchs mit Migrationshintergrund.
Wir sind türkischstämmige Deutsche, Asiatisch- oder Afrodeutsche oder Deutsche anderer Herkünfte. Jede/r weiße Deutsche, der/die unsere Ziele unterstützt, ist bei uns willkommen. Wir sind im Kontakt mit ähnlichen Gruppen in anderen Ländern, zum Beispiel in Italien, Tschechien, Schweden und den Niederlanden. Auch wenn die Situation von Land zu Land unterschiedlich ist, gibt es jedoch Gemeinsamkeiten, was den Kampf gegen diskriminierende Berichterstattung geht. In manchen Staaten, wie etwa Holland, wird mit dem Thema Rassismus auf allen Ebenen – nicht nur bei den Medien – bewusster umgegangen. Das heißt nicht, dass die niederländischen Kollegen keine entsprechenden Diskussionen in ihren Redaktionen haben. Im Gegensatz zu Deutschland jedoch muss zum Beispiel nicht erst erklärt werden, dass die sogenannte „normale“ Sprache viele rassistische Wendungen beinhaltet, die man sich bewusst machen muss, um sie nicht „versehentlich“ zu gebrauchen. Noch immer hören wir in deutschen Redaktionen „Ich hab’s nicht so gemeint!“ als Universalentschuldigung für den Gebrauch diskriminierender Sprache. Doch Journalisten arbeiten mit Sprache; es ist ihre Pflicht, sich mit Worten und Rassismus auseinanderzusetzen. Darauf weisen wir hin, wo immer notwendig.
In den wenigen Jahren, seit es die Neuen deutschen Medienmacher gibt, hat sich viel getan: wir sind präsent auf der medialen Bühne in Deutschland, wir arbeiten mit beim Integrationsgipfel der Bundesregierung, wir halten Vorträge an Universitäten und auf Konferenzen, wir werden gefragt, wenn es um das Thema „Migranten und Medien“ geht. Das Bewusstsein bei den Medien, dass es hier ein Problem gibt, ist gestiegen. Oft erreichen uns Anfragen von Kollegen, wie eine sachgerechte und ausgewogene Berichterstattung aussehen könnte. Zu diesem Zweck bereiten wir Workshops zum Wording, zur Wortwahl, vor und gehen auch – wenn gewünscht - in Redaktionen, um Blattkritik zu üben und Anregungen zu geben. Darüberhinaus erstellen wir im kommenden Jahr einen "Alternativen Begriffskanon", um neue Begriffe für unsere Einwanderungsgesellschaft zu etablieren, sowie Formulierungshilfen und -empfehlungen für die Berichterstattung rund um Einwanderung herauszugeben.
In Berlin haben wir den ersten Ausbildungsgang speziell für Nachwuchsjournalisten mit Migrationshintergrund initiiert: In der bikulturellen, crossmedialen Journalismus-Fortbildung am Bildungswerk Kreuzberg wird seit 2009 der mittlerweile vierte Jahrgang von Akademikerinnen und Akademikern mit Einwanderungsgeschichte unterrichtet. Die 15monatige Journalismusausbildung ist geprägt von den Zielen und von Personal aus dem Kreis der Neuen deutschen Medienmacher.
Ein weiteres Projekt ist das Mentoring-Programm der Neuen deutschen Medienmacher: 2012 wurden 25 neu- oder nicht-deutsche Nachwuchsjournalistinnen und -journalisten erfolgreich auf ihrem Weg in den Beruf unterstützt. Den „Mentees“ wurden ein Jahr lang hochkarätige Mentorinnen und Mentoren an die Seite gestellt, die sie begleiteten, Hinweise und Orientierung gaben, nützliche Kontakte herstellten und ihre Arbeiten bewerteten. Ein Nachfolgeprojekt ist auf Wunsch der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Maria Böhmer, bereits in Planung.
Zudem sind die Neuen Deutschen Medienmacher verantwortlich für den Aufbau und die Erstellung einer speziellen Online-Recherche-Datenbank für Journalisten und Institutionen: Unter www.vielfaltfinder.de registrieren sich Expertinnen und Experten mit Migrationsgeschichte aus allen Wissensbereichen und aller Professionen und erklären sich bereit, für Medienanfragen zu ihrem Fachgebiet zur Verfügung zu stehen. Akkreditierte Journalisten und Vertreter von Institutionen können im „Vielfaltfinder“ ab 2013 zahlreiche nicht- oder neu-deutsche Fachleute aller Art als Interviewpartner, Protagonisten, Referenten oder Diskutanten recherchieren und kontaktieren. Das Ziel dieser Recherche-Datenbank ist es, neue Köpfe, neue Perspektiven, interkulturelle Kompetenz und vielfältiges Fachwissen zu vermitteln.
In der deutschen Medien- und Konferenzlandschaft werden Menschen mit Migrationshintergrund bisher meist als Betroffene beschrieben oder im Zusammenhang mit Problemen gezeigt, wie Kriminalität oder Extremismus, oftmals ohne Gelegenheit, sich selbst zu äußern. Mithilfe der Recherche-Datenbank „Vielfaltfinder“ können Menschen mit Einwanderungsgeschichte häufiger als Experten zu ihren Fachgebieten befragt und gezeigt werden, so dass sich einseitige Wahrnehmung und stereotypes Denken in der Mehrheitsgesellschaft allmählich verringern. Denn unsere Gesellschaft ist weitaus vielfältiger, als uns die Medien oft weiß machen.
Die Neuen deutschen Medienmacher sind ein Verein von ehrenamtlichen Aktivisten, ohne Geld, aber mit großem Enthusiasmus und viel Fachwissen. Mit geringen Mitteln haben wir bisher viel geschafft: wir haben eine mediale Präsenz, wir werden als Fachleute befragt und sitzen in politischen Gremien, in denen über Medien und Migration geredet wird. Aber die Schritte sind mühsam; noch immer sind die meisten Redaktionen rein weiße Arbeitsplätze, wo ethnische Minderheiten so gut wie nicht vertreten sind. Der Weg zu einer pluralen Gesellschaft mit einer fairen und nicht-rassistischen Berichterstattung ist noch weit.
Buchbeitrag aus "Integrationsindex 2012",
United Nations Academic Impact Initiative (UN AI),
erschienen November 2012