2009 gründeten sich die Neuen Deutschen Medienmacher als Netzwerk und Lobbygruppe für einen vielfältigen Journalismus. Der taz-Journalist Daniel Bax engagiert sich im Vorstand des gleichnamigen Trägervereins. MuB sprach mit ihm über den zu geringen Anteil von Migranten in den Medien, problem- und klischeebelastete Berichterstattung sowie über Wege, Diversität im Journalismus strukturell zu stärken.
Herr Bax, als Vorstandsmitglied im Verein der Neuen Deutschen Medienmacher haben Sie im vergangenen Jahr eine Diskussionsrunde zum „Ende des weißen Mainstreams“ in deutschen Redaktionen moderiert. Wollten Sie mit dem Titel provozieren oder existiert dieser Mainstream noch?
Das war schon als Provokation gedacht, gerade weil es diesen weißen Mainstream noch gibt. Dass inzwischen über Begriffe in Kinderbüchern oder ganz allgemein über political correctness diskutiert wird, hat natürlich damit zu tun, dass Dinge, die bislang unhinterfragt Konsens waren, in Frage gestellt werden. Der Grund dafür ist der Bevölkerungswandel, der auch an der Öffentlichkeit nicht vorbeigeht.
Warum wurden die Neuen Deutschen Medienmacher ins Leben gerufen?
Weil es so wenige Journalisten mit Migrationshintergrund gibt. Ihr Anteil liegt Schätzungen zufolge bei lediglich 1-3 %. Das ist weit unter dem Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung von etwa 20 % (vgl. Ausgabe 9/12, 8/12, 8/11). Das wollen wir ändern. Außerdem ging und geht es darum, nicht nur auf die Defizite der Einwanderer zu schauen, sondern den Blick in der Berichterstattung – aber auch bei der Einstellungspolitik der Medien – auf die Chancen von Vielfalt zu richten und zu reflektieren, welche Ursachen in der Aufnahmegesellschaft dafür verantwortlich sind, dass manche Dinge nicht funktionieren.
Den zu geringen Anteil von Medienschaffenden mit Migrationshintergrund hat der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration schon 2010 kritisiert (vgl. Ausgabe 5/10). Warum fällt es den Medien so schwer, die Redaktionen an die gesellschaftlichen Verhältnisse anzupassen?
Wenn wir uns die Bevölkerung mit Zuwanderungsgeschichte anschauen, sehen wir, dass viele der Einwandererkinder auch Arbeiterkinder sind. Hier greift das grundsätzliche Thema der sozialen Herkunft, das nicht nur Migranten betrifft. In den Medien sind insgesamt wenige Arbeiterkinder vertreten. Es spielt auch eine Rolle, dass der Beruf nur bedingt attraktiv ist. Und dann haben sich die Medien lange Zeit selbst nicht infrage gestellt, was ihren Umgang mit Migration und Migranten betrifft. All diese Aspekte spielen natürlich eine Rolle und erklären, warum sich die Situation nicht von heute auf morgen ändert.
Wie fordern Sie mehr Vielfalt in den Medien ein?
Wir Neuen Deutschen Medienmacher fordern eine Migrantenquote im Medienbetrieb, auch wenn wir wissen, dass das in einer Zeit, in der Medien Stellen abbauen, schwer umzusetzen ist. Aber es geht um eine annähernd repräsentative Vertretung von Bevölkerungsgruppen in den Redaktionen. Viele Medien haben aber auch schon erkannt, dass sie ein Problem bekommen, wenn sie sich nicht auf die Gesellschaft zubewegen. Wenn die Zusammensetzung der Medienschaffenden nicht mit der Zusammensetzung der Bevölkerung korrespondiert, dann setzt ein Entfremdungsprozess ein. Die Zeit etwa hat sich das sehr deutlich auf die Fahnen geschrieben. Dort sind mit Alice Bota, Özlem Topçu und Khuê Pham drei junge Kolleginnen fest in der Redaktion verankert, die für die Generation der „Neuen Deutschen“ stehen. Die Botschaft dahinter lautet, dass Die Zeit nicht nur die weißhaarigen deutschen Studienräte, sondern ein viel breiteres und bunteres Publikum ansprechen will.
Unterscheidet sich der Anteil von Migranten in den einzelnen Medientypen? Wie ist es beispielsweise beim Fernsehen, wo es öffentlich-rechtliche und private Sender gibt?
Es gibt sicher Unterschiede, aber die sind nicht so groß. Die Fernsehsender waren bei dem Thema schneller als alle anderen, weil man dort eher unterhaltungs- und zielgruppenorientiert gedacht hat. Schon in den 1990er Jahren gab es bei den Privatsendern Moderatoren mit Zuwanderungsgeschichte. Bei den öffentlich-rechtlichen Medien, vor allem ARD und ZDF, gab es in den letzten zehn Jahren einen deutlichen Schub, auch weil das Thema im Zuge der Integrationsgipfel ins Bewusstsein gerückt ist. Wenn man heute den Fernseher einschaltet, bietet sich ein völlig anderes Bild als in den 1990er Jahren.
Schaut man sich hingegen die Entscheidungs- und Kontrollgremien an, sieht es ganz anders aus. Auch in den Redaktionen, wo über die Zusammensetzung von Talkrunden entschieden wird, ist es noch nicht so bunt. Das heißt, auf der Oberfläche hat sich einiges getan, aber es dauert eine Weile, bis sich das auch in der Tiefe durchsetzt.
Unter den Leitmedien sind vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender in der Pflicht. Sie haben einen Integrationsauftrag. Während Sender wie ARD, ZDF und WDR dieser Verantwortung nachkommen, gibt es andere wie den RBB, der seit der Einstellung des Radiosenders Multikulti in eine Art Tiefschlaf versunken ist. Ist das ein Strukturproblem oder ist die Diversität der Redaktionen abhängig von Personen?
Sicherlich hängt es immer sowohl von Personen als auch von der Struktur ab. Der RBB ist aufgrund der Zusammenlegung von Ost- und Westrundfunk ein riesiger Apparat, der eher Stellen abbaut, als Neueinstellungen vornimmt. Da ist wenig Raum für Fluktuation in den Redaktionen. Die Einstellung von Radio Multikulti war in meinen Augen ein großer Schritt zurück. Wenngleich man sicherlich darüber streiten kann, ob so ein Sender als Zusatzangebot notwendig ist oder man Vielfalt nicht besser zentral, in den einzelnen Redaktionen umsetzt. Aber auch das ist beim RBB leider nicht zu spüren. Im Gegensatz dazu zeigt der WDR mit Funkhaus Europa oder WDR Grenzenlos, dass man die interkulturellen Kompetenzen im Haus stärken kann, indem man Vielfalt zum Leitbild erhebt. Zugleich wird das Anliegen durch Zusatzangebote für spezielle Zielgruppen unterstützt. Dabei spielen natürlich auch finanzielle Möglichkeiten eine Rolle, aber letztendlich ist der Wille in den Führungsgremien ausschlaggebend.
Das Interview ist am 15.05.2014 erschienen bei Migration & Bevölkerung.