Empfehlungen zur Herkunftsnennung in der Kriminalitätsberichterstattung

Während Menschen aus Einwandererfamilien in den Medien meistens unterrepräsentiert sind (zum Beispiel als Expert:innen, Eltern, Rentner:innen), kommen sie in einem Zusammenhang besonders oft vor: in der Kriminalitätsberichterstattung. 

Es ist bekannt, dass die häufige Nennung der Herkunft in der Kriminalitätsberichterstattung Vorurteile schürt und diskriminierend ist. Redaktionen sollten sich ihrer Verantwortung dafür bewusst sein. Sie müssen eine Entscheidung für oder gegen die Nennung der Herkunft in einem Bericht auf fachkundiger, vergleichbarer und transparenter Basis treffen, wenn sie kein Zerrbild der Kriminalität in Deutschland vermitteln wollen.

Eine häufige und grundlose Nennung der Herkunft und anderer Merkmale gesellschaftlich benachteiligter Gruppen führt dazu, Vorurteile bei Publikum und Leser:innen zu verfestigen. 

Die NdM empfehlen für die Frage der Herunkftsnennung in der Kriminalitätsberichterstattung die folgenden vier Grundsätze.

 

1. In der Regel überflüssig

Deutschland ist vielfältig geworden. Es ist nicht überraschend, dass Straftäter:innen diverse Hintergründe haben. Ist es also wirklich erwähnenswert, dass es nicht nur Deutsche ohne Migrationshintergrund sind? Dagegen sprechen in den allermeisten Fällen journalistische Gründe: Die Herkunft kann nie als Erklärung für Kriminalität dienen, kriminell zu sein ist nicht angeboren oder “ethnisch” bedingt und Journalist:innen müssen in ihrer Berichterstattung darauf achten, keine Zusammenhänge zu schaffen, die es nicht gibt. Deshalb sollten Merkmale wie Herkunft, Religion, sexuelle Orientierung oder andere Zugehörigkeiten zu strukturell benachteiligten Gruppen von Straftäter:innen oder Verdächtigen in der Regel nicht berichtet werden.

2. Keine Herkunftsnennung bei Bagatelldelikten

Bei Bagatelldelikten, die man als Polizeimeldungen auf den vermischten Seiten findet, sollten Herkunft, Nationalität, Religion oder sexuelle Orientierung von Täter:innen grundsätzlich nicht genannt werden. Sie sind irrelevant für die Tat und die Nachricht. Zudem handelt es sich dabei um kurze Meldungen, in denen keinerlei Einordnung oder Vertiefung möglich ist. Darüber hinaus besteht hier an Detailinformationen über Straftaten von geringer Bedeutung auch kein begründetes öffentliches Interesse im Sinne des Pressekodex.

3. Ausnahmen sind selten

In einigen Ausnahmefällen können Merkmale, wie Nationalität oder Herkunft von Straftäter:innen oder Verdächtigen einen eindeutigen Bezug zur Nachricht haben. Das heißt, die Herkunft ist nötig, um die Geschichte zu verstehen. Beispielsweise, wenn ein:e Verdächtig:er ins Ausland geflohen ist oder wenn die Biografie in einem Gerichtsverfahren von entscheidender Bedeutung ist oder wenn es etwa um islamistisch motivierten Terror geht. Ein Zusammenhang von Herkunft, Religion und anderen Merkmalen mit der Straftat sollte sich allerdingsimmer aus der Nachricht ergeben und nicht hineinspekuliert werden.

Eine weitere Ausnahme sind spektakuläre Fälle, besonders schwere oder außergewöhnliche Taten, die große Aufmerksamkeit bekommen. Hier gilt aus journalistischer Logik: Jede Information über die mutmaßlichen Täter:innen ist berichtenswert – was im psychologischen Gutachten steht genau so, wie die Tatsache, ob sie oder ihre Eltern eingewandert sind. Aber auch hier ist entscheidend, wo, wie oft und in welcher Form die Erwähnung stattfindet. Eine beiläufige Erwähnung in einem langen Text, wirkt weniger rassistisch, als die Herkunft in der Überschrift explizit zu betonen.

4. Wenn Herkunftsnennung, dann richtig

Sind Nationalität, Herkunft oder andere Merkmale diskriminierter Gruppen für eine Geschichte ausschlaggebend, muss im Beitrag erklärt werden, warum sie wichtig sind und wie sie mit der Straftat zusammenhängen. Sie können durch Einordnung ergänzt und sprachlich entsprechend gewichtet werden. Immer ganz ohne zu behaupten, die Herkunft an sich wäre tatrelevant. Sensible Informationen sind kein Füllsel, sondern sollten überlegt eingesetzt werden. Denn in den Augen von Publikum und Leser:innen hat jede Information eine Bedeutung, sonst stünde sie nicht im Bericht.

Am besten gelingt das in längeren Beiträgen, wo Zusammenhänge erklärt werden können, hier gehören biografische Informationen oft zum Gesamtbild dazu. Aber selbst in kurzen Meldungen ist ein bewusster Umgang machbar und eine Erwähnung der Herkunft kann implizit geschehen, wenn sie fürs Verständnis wichtig ist.

Ein Beispiel: "Der Gesuchte Gavriel H. wurde gestern am Frankfurter Flughafen festgenommen. Der 38-Jährige soll einer der führenden Köpfe des größten kolumbianischen Drogenkartells sein und von Frankfurt aus den illegalen Handel in Nordeuropa koordinieren. Nach Angaben von Interpol..."

Wie war das bisher?

Die NdM-Empfehlungen orientieren sich am Umgang mit der Herkunftsnennung bei der New York Times. Aber auch die bis 2017 bestehenden Richtlinie des Presserates, sah seit 1973 vor, die Herkunft von Tatverdächtigen nur dann zu nennen, wenn “ein begründbarer Sachbezug” besteht.

Die Regelung war also klar: Medien sollten die Herkunft, Religion, die sexuelle Orientierung oder andere sensible Informationen von Verdächtigen oder Straftäter:innen nur dann erwähnen, wenn sie zum Verständnis der Nachricht notwendig sind. Genau wie andere unbedeutende Merkmalen auch: Schuhgröße, Gewicht, Erbkrankheiten... Es versteht sich von selbst, dass niemand klaut, weil er Bulgare ist, niemand randaliert, weil sie Griechin ist usw.

Die Richtlinie wurde immer wieder kontrovers diskutiert, Boulevardzeitungen hielten sich eher nicht daran, seriöse Medien meistens schon. Leider ist sie inzwischen in den Hintergrund gerückt.

Was der Presserat empfiehlt

Der Presserat hat 2017 infolge der Debatte um die Kölner Silvesternacht die entsprechende Richtlinie 12.1. “Diskriminierungen” geändert. Seither reicht ein “begründetes öffentliches Interesse”, um die Herkunft der Tatverdächtigen oder Täter:innen zu nennen. Also sind viele Medien dazu übergegangen, die Herkunft oder den Migrationsstatus in der Kriminalitätsberichterstattung fast immer zu thematisieren, wenn die Person einen Migrationshintergrund oder keine deutsche Staatsbürgerschaft hat. Durch die mangelnde Sichtbarkeit in anderen Zusammenhängen führt die dauernde Herkunftsnennung in den Medien zu einem Gesamtbild der Kriminalität in Deutschland, das fern jeder Realität ist. 

Aber auch die neue Pressekodex-Richtlinie verlangt von Medien einen verantwortungsvollen Umgang bei der Herkunftsnennung, damit sie “nicht zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führt.” Die Praxis ist leider häufig eine andere.

Richtlinie des Presserats vor 2017

„In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte."

Herkunftsnennung diskriminiert

Es ist bekannt, dass die häufige Nennung der Herkunft in der Kriminalitätsberichterstattung Vorurteile schürt und diskriminierend ist. Über viele Straftaten wird in den Medien überhaupt erst in großem Umfang berichtet, wenn Täter:innen einen Migrationshintergrund haben, geflüchtet sind, Muslim:innen oder People of Color oder Schwarz sind.

Gleichzeitig beziehen viele Menschen in Deutschland ihre Informationen über Minderheiten aus den Medien und nicht aus dem persönlichen Alltag. Die Meinungen, Bilder und Eindrücke, die sie über Migrant:innen, Geflüchtete, Muslim:innen, Sinti:izze und Romnja oder afrodiasporische Menschen haben, werden von Journalist:innen geprägt. Und wenn diese Gruppen – anders als weiße Deutsche – unverhältnismäßig oft als kriminell dargestellt werden, dann ist es ebendiese Fehleinschätzung, die bei den Leuten hängen bleibt und die zu weiterer Diskriminierung führt.

"Die Herkunft von mutmaßlichen Gewalttätern wird meist nur dann hervorgehoben, wenn sie Ausländer sind. Damit ist der mediale Blick nicht klarer geworden, sondern verzerrter. Die Berichterstattung kehrt die Erkenntnisse der Polizei komplett um."

MDI-Studie "Wie häufig nennen Medien die Herkunft von Tatverdächtigen?"

Die wenigen Ausnahmen

Es gibt natürlich Fälle, bei denen es wichtig ist, die Herkunft zu kennen, um die Geschichte zu verstehen. Beispielsweise wenn es in einer Grenzregion um kriminelle Banden geht, die aus dem Nachbarland einreisen. Oder wenn eine Seniorin eine Bank überfällt, um die Überführung ihres toten Mannes in den Senegal zu bezahlen. Aber das ist wirklich sehr selten der Fall. Vielmehr gibt es gute Gründe bei der Nennung der Herkunft zurückhaltender zu sein, als es der Pressekodex heute erlaubt.

Beschwerden sind kein Grund zur Herkunftsnennung

Ja, es gibt Leute, die einer Redaktion Vertuschung vorhalten und sich beschweren, wenn Straftäter:innen oder Verdächtige einen Migrationshintergrund haben und das im Bericht nicht erwähnt wird. Journalist:innen lassen die Herkunft in Berichten aber nicht weg, weil sie “politisch korrekt” handeln wollen, sondern weil die Herkunft keine Bedeutung für die Nachricht hat und die Nennung nach handwerklichen, journalistischen Kriterien falsch wäre. Das kann man auf Nachfrage durchaus erklären.

In vielen Fällen kommen wiederholte Beschwerden ohnehin nicht von regelmäßigen Zuschauer:innen oder zahlenden Abonennt:innen, sondern von organisierten Rechtsradikalen, die ein Medium gezielt angreifen und eine Empörungswelle treuer Fans vortäuschen.

Herkunftsnennung wird infrage gestellt

Ein Dialogprojekt des Instituts für Journalistik und Kommunikationsforschung an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover (HTMTM) bringt zurzeit Akteur:innen aus Praxis und Wissenschaft zu einem Austausch über den öffentlichen und medialen Umgang mit Herkunftsinformationen zusammen. Darunter sind Journalist:innen, Pressesprecher:innen und Führungskräfte der Sicherheitsbehörden, zivilgesellschaftliche Organisationen und Wissenschaftler:innen.

Gemeinsam diskutieren sie Kriterien für die Herkunftsnennung und entwerfen neue Empfehlungen. Die Neuen deutschen Medienmacher*innen nehmen an diesem Dialogprojekt teil.